Pferde sind keine Instinktmaschinen
Die Behauptung, Pferde „lebten nur aus Instinkt“, klingt praktisch, bis man sie prüft. Es stimmt, dass Pferde Instinkte haben. Menschen auch. Ebenso Hunde, Vögel, Rinder und jedes lebende Tier mit entwickelten Überlebenssystemen. Instinkt ist real. Der Fehler ist, das Wort Instinkt so zu gebrauchen, als hebe es Lernen, Gedächtnis, soziales Urteilsvermögen, emotionale Wahrnehmung und flexible Entscheidungsfindung auf.
Ein Pferd ist kein Mensch in einem Pferdekörper. Das ist nicht das Argument. Das stärkere und genauere Argument lautet: Pferde sind equine Geister. Sie nehmen wahr, lernen, erinnern, vergleichen, meiden, nähern sich, lösen und passen sich an – als Pferde.
Das auf „nur Instinkt“ zu reduzieren ist kein Realismus. Es ist schlechte Beobachtung.
Instinkt und Kognition sind keine Feinde
Instinkt beschreibt entwickelte Neigungen. Pferde sind grasende, soziale, wachsame, auf Bewegung ausgerichtete Tiere mit starken Sicherheitsreaktionen. Doch in wirklichen Tieren wirkt Instinkt nicht allein. Er wirkt zusammen mit Erfahrung.
Ein Pferd, das ein bestimmtes Tor nach wiederholt schlechter Behandlung meidet, ist nicht bloß „instinktiv“. Ein Pferd, das sich einem Menschen nähert und einen anderen meidet, nutzt gelernte soziale Information. Ein Pferd, das sein Verhalten ändert, nachdem sich ein vorhersehbares Ergebnis geändert hat, ist kein Aufziehspielzeug. Das Pferd aktualisiert sein Verhalten durch Erfahrung.
Die richtige Frage ist nicht, ob Instinkt existiert. Die richtige Frage ist, ob Instinkt alles beobachtbare Pferdeverhalten erklärt. Das tut er nicht.
Pferde deuten menschliche emotionale Information
Forschung hat gezeigt, dass Pferde auf menschliche emotionale Ausdrücke reagieren. Studien haben berichtet, dass Pferde zwischen positiven und negativen menschlichen Gesichtsausdrücken unterscheiden, und weitere Arbeiten zeigen, dass Pferde visuelle und stimmliche emotionale Hinweise zusammenführen können. Das bedeutet, dass das Pferd nicht einfach auf Druck oder Futter reagiert. Das Pferd verarbeitet soziale Information über Artgrenzen hinweg.
Noch wichtiger: Forschung hat nahegelegt, dass Pferde sich an emotionale Ausdrücke erinnern können, die mit bestimmten Menschen verbunden sind, und ihre Reaktion später anpassen. Ein Pferd, das einem Menschen begegnet, beginnt nicht immer bei null. Vergangene Information kann in die gegenwärtige Begegnung eintreten.
Das ist Gedächtnis im sozialen Zusammenhang.