Weniger Kontrolle, besseres Verhalten?
Wenn ein Pferd unerwünschtes Verhalten zeigt, besteht die übliche Reaktion darin, etwas hinzuzufügen: noch eine Regel, noch ein Gerät, noch einen Zeitplan, noch eine Übung, noch eine Korrektur, noch eine Technik. Equine Notion stellt eine andere Frage: Was geschieht, wenn der Mensch eine unnötige Kontrolle wegnimmt?
Diese Frage kann Menschen bedrohlich erscheinen, die Kontrolle mit Sicherheit gleichsetzen. Doch viele Verhaltensprobleme entstehen nicht durch einen Mangel an Kontrolle. Sie entstehen in Umgebungen, in denen das Pferd zu wenige bedeutsame Wahlmöglichkeiten hat.
Weniger Kontrolle bedeutet keine fehlenden Grenzen. Es bedeutet weniger künstliche Zwänge, die genau jenes Verhalten hervorbringen, das Menschen dann zu beheben versuchen.
Verhalten als Rückmeldung der Umgebung
Ein Pferd, das drängt, bewacht, sich widersetzt, ausweicht, beißt, sich zusammendrängt oder unruhig wird, wird oft durch das Verhalten selbst etikettiert. Doch Verhalten kann eine Rückmeldung des Systems sein. Das Pferd mag auf Enge, Hungerzyklen, soziale Instabilität, Schmerz, Angst, Verwirrung, übermäßiges Handling, Bewegungsmangel oder wiederholte Grenzverletzung reagieren.
Fügt der Mensch nur Korrektur hinzu, mag das Signal zum Schweigen gebracht werden, ohne dass die Ursache verstanden wird.
Beobachtung fragt, worauf das Verhalten antwortet.
Kontrolle wegnehmen als Versuch
Ein nützliches Experiment ist keine leichtsinnige Freiheit. Es ist eine kontrollierte Verringerung von Druck. Zum Beispiel: das Pferd nicht jedes Mal rufen, wenn man hereinkommt. Einen weiteren Heu-Zugangspunkt hinzufügen. Mehr Wegwahl erlauben. Weiter entfernt stehen. Einen engen Engpass entfernen. Das Pferd herankommen lassen, bevor man es berührt. Die Verfügbarkeit von Raufutter verlängern.
Dann beobachten, ob sich das Verhalten verändert.
Bessert sich das Verhalten, wenn die Kontrolle abnimmt, war das ursprüngliche Problem vielleicht kein Ungehorsam. Es war vielleicht Druck.